Dass unsere Fahrt, unser Leben, nicht auf Rosen gebettet verläuft: diese Erfahrung ist eine alltägliche. Der Roman von Hanna Green “I never promised you a rose garden” erzählt von einer jungen Frau, die sich in ihrer Fantasie eine Traumwelt aufbaut, das Königreich Yr. Sie braucht diese Welt. Sie muss in diese eigene Welt fliehen, weil sie die reale Welt nicht ertragen kann. Zu Beginn ist das Königreich auch wunderbar, es ist wunderschön für sie, sich dort aufzuhalten, wie im Himmel– doch mit der Zeit werden die Götter von Yr zu Tyrannen, die jedes Wort und jede Handlung der Frau zu bestimmen beginnen.
Es ist auch gefährlich, der wirklichen Welt, der Realität entfliehen zu wollen. Wir können es tun, spielerisch, zur Erholung, zur Unterhaltung: mit Film, Musik, (mit Alkohol, mit Drogen) – und es scheint, wie wenn die Welt dann besser zu ertragen ist. Irgendeinmal aber holt sie uns ein.
wenn überhaupt alles
einen sinn hat
dann kann unsere fahrt
die fahrt unseres lebens
doch nur eine himmelfahrt sein
und werden
eine fahrt
mit der endstation sehnsucht
endstation vollendung
endstation himmel
es ist ja wohl klar
dass diese fahrt
nicht eine fahrt auf rosen gebettet ist
So schreibt Willhelm Willms, und ich muss sagen, dass mir das gar nicht so klar ist. Mir ist nicht klar, warum das Leben auch schmerzvoll sein muss. Ich könnte mir gut ein Paradies vorstellen ohne Schmerz. Ich weiss einfach, dass das Leben nicht so ist. Ich weiss, dass wir uns mit dem Leben mit allen seinen Seiten auseinandersetzen können, damit umgehen können, und das Wichtigste und Entscheidende: Kraft daraus gewinnen können; aus der Realität, wenn wir sie lieben lernen, so wie sie ist.
Dabei erfahren können, dass wir gesegnet sich, beschützt und getragen von Gottes Zuwendung: dies erzählt die Geschichte von der Jakobsleiter. Ich habe diese gewählt, weil eben diese Leiter für die Verbindung von Himmel und Erde steht. Wir wollen sehen, was sie uns zu unserer Himmelfahrt sagen kann.
Jakob steht der Himmel offen. Er sieht eine Leiter zwischen Himmel und Erde. Auf der Leiter steigen Engel auf und nieder. Ob sie Jakobs Gedanken zu Gott hinauftragen und ein Stück Himmel zu ihm nach unten? Auf jeden Fall ist es eine lebendige Leiter, eine lebendige Beziehung zwischen Himmel und Erde, zwischen Jakob und seinem Gott.
Sie gibt ihm Geborgenheit mitten in der Nacht. Gott selbst wendet sich ihm zu und spricht ihn an. Besonders ein Wort wird Jakob noch lange im Ohr geklungen haben: “Ich bin mit dir und will dich behüten, wohin du auch gehst.”
Die Geschichte von Jakob unter der Himmelsleiter war früher für mich eine Gute-Nacht-Geschichte, nach der ich geborgen einschlafen konnte. Aber jetzt? Wie passt dieses Bild voll Geborgenheit und Zuwendung in die Realität des Alltags?
Denn die Himmelsleiter ist auch in der Geschichte selbst ein Bild gegen jede Realität. Jakob liegt nicht zu Hause gemütlich im Bett, er liegt auf hartem Boden. Er ist auf der Flucht. Weil er seinem Bruder Esau Unrecht getan hat, hat er sich aus seiner Familie ausgestoßen. Alleine geht er einen Weg in ein fremdes Land. Alles, was ihn bisher getragen hat, ist zusammen gebrochen. Jakob liegt am Boden.
Er sagt: “Gott ist hier, und ich wusste es nicht.”
Als Jakob am anderen Morgen aufwacht ist keine Himmelsleiter weit und breit. “War ja nur ein Traum”, hätte er enttäuscht sagen können. Doch innerlich ist Jakob noch ganz erfüllt von seinem Traum. Er spürt, dass er in etwas Einblick erhalten hat, das immer existiert – eine Verbindung zwischen Himmel und Erde. Sein steiniger Schlafplatz ist für ihn zu einem Stück Himmel geworden. Dadurch gewinnt er ein neues Lebensgefühl auf Erden. Als er von Bethel aufbricht, hat er neuen Mut. Er hat das Bild von der Leiter und den Engeln im Herzen und geht seinen Weg mit der Verheißung: “Ich bin mit dir und will dich behüten, wohin du auch gehst.”
Jetzt muss er aus der Kraft der Erinnerung leben. Deshalb hat er sich eine handfeste Erinnerungsstütze geschaffen: den Stein. Der Stein, der sein hartes Nachtlager gewesen ist. Damit hat sein Traum einen Ort auf Erden. Er hilft Jakob, dass sein Traum nicht zerrinnt. Wenn alles in seinem Leben zusammenbricht, kann Jakob nach Bethel zurückkehren. Wenn er Halt sucht, kommt er an diesen Ort. Der Stein erinnert ihn daran, dass über seinem Leben die Verheißung steht: “Ich bin mit dir.”
Immer wieder, wenn für Menschen die Welt zusammenbricht – warum auch immer – suchen sie Halt. Sie suchen einen Raum für ihre Angst, einen Ort, der ihnen das Gefühl von Geborgenheit zurückgibt. Unsere Friedhöfe sind ja voll von Steinen, die ähnlich wie der Stein von Jakob Erinnerungen festmachen helfen. Aber irgendwie, das ist zwar sicher bei jedem trauernden Menschen unterschiedlich, irgendwie hält ein Stein auch den Schmerz fest. Gehört auch das zur Realität? Sie können vom Friedhof weggehen, und sind wieder getröstet. Sie können vom Friedhof weggehen, und sind wieder voller Schmerz. Müssen wir lernen, die andere Erinnerung immer wieder zu erwecken, die Erinnerung an die Geborgenheit, an den offenen Himmel, an die Engel, die Boten Gottes auf der Leiter, die uns davon erzählen? Diese Orte finden:
die Kirche selbst ist der Ort, wo wir gemeinsam uns erinnern. Uns erinneren auch, dass es auch uns gilt, dieses: Siehe, ich bin mit dir.
Mit der Auffahrt nun ist uns, wie der Kirchenvater Augustin es beschreibt, dieser Ort ins Herz gegeben: Gott selbst hat in unserenHerzen den Himmel eingerichtet. Dann gibt es nicht nur diese Orte draussen, die uns mahnen, erinneren, erfreuen, trösten. Es gibt diesen Ort tief in uns drinnen, der uns mit dem Himmel verbindet. Er verbindet uns mit dem Himmel, und wir bleiben doch auf der Erde, weil dieser Ort mitten in uns ist.
Die junge Frau träumt vom Königreich Yr, stellt ausserhalb ihrer Realität den Ort her, und muss einen langen Weg gehen um den Ort in sich wieder zu entdecken, den Ort, der ihr die Kraft gibt und den Mut, in diese Welt zu stehen.
es ist ja wohl klar
dass diese fahrt
nicht eine fahrt auf rosen gebettet ist
Wohl nicht auf Rosen gebettet – doch die Rosen, die leuchten uns. Jetzt, wenn es dann Sommer wird, und die Rosen blühen, dann kann das uns niemand nehmen: die Freude an jeder Rose. Die Rose, die im uralten Lied „es ist ein Ros’ entsprungen“ uns erzählt vom Wunderbaren: nämlich von der Rose die erblüht in der Dunkelheit, obwohl kein Licht da ist. Die Rose, die erblüht mitten in der Winterzeit. Also kann es in uns kalt und dunkel sein, die Realität kann uns kalt und dunkel erscheinen wie Jakob die Nacht: und doch ist es möglich, dass sie erblüht, uns Kraft gibt, uns tröstet. Dann sind uns die Rosen wie die Engel, und der Himmel steht uns offen.
Amen.
Fürbitte
Gott, wir sind geborgen in dir
und bitten dich
immer wieder um Erinnerungen
die sind wie die Engel
die uns betrachten und beschützen im Schlaf
um Hoffnungen
die sind wie die Rosen
die in uns erblühen
auch wenn es kalt ist und
mitten in der Nacht
die in uns erblühen
wenn wir das Leben nehmen können
wie es sich gibt
wenn wir Leben weitergeben können:
Hoffnung und Mut
Kraft und Zuversicht
Darum bitten wir
mit deiner Kraft
in deinem Geist
Amen.
